Der Morgen verlief inzwischen im gewohnten Ablauf. Nach dem Aufstehen ging ich mit Socks in den Speisesaal, setzte mich an den Tisch der Pagen und akzeptierte es, dass eigentlich erst immer Socks zuerst sein Futter bekam, bevor ich an der Reihe war. Mit seinem bettelnden Blick hatte er sich schnell die Herzen erobert und wenn er noch fast lautlos maunze, sein Leid klagend, dann konnten ihm weder Elara noch die anderen Bediensteten widerstehen.
Nach dem Frühstück zog ich mich mit dem Haselstab und einem scharfen Messer in eine ruhige Ecke des Gartens zurück. Socks kam mit, denn der Garten bot viele Möglichkeiten für kleine Abenteuer. Mir war es ganz recht, dass er dieses Mal seiner Wege ging, denn ich brauchte etwas Ruhe. Ich wollte die Rinde entfernen, damit der Stab schön glatt wäre und die Rinde nicht später reissen oder abblättern würde.
Ich setzte mich auf einen Stein und stemmte den Stab in die Erde. Teilweise liess sich die Rinde einfach abziehen, aber dennoch musste ich einiges mit meinem Messer abschälen. Ich achtete darauf, dem Winkel möglichst flach zu halten, damit ich nicht zu tief schnitt. Es dauerte etwas, aber dann hatte ich meinen Rhythmus gefunden. Die gleichmässige Bewegung hatte etwas durchaus meditatives, aber ich musste mich dennoch konzentrieren, um weder den Stab noch mich zu verletzen. Ich arbeitete mich durch die dünne Rinde und die Bastschicht. Als ich fertig war, versiegelte ich die Enden mit Wachs, das mir Sereina gegeben hatte. Als ob er es geahnt hätte, kam kroch Socks unter dem Gestrüpp hervor, bedeckt mit Kletten und Blättern. Ich musste grinsen, denn er versuchte würdevoll zu wirken, auch wenn er etwas derangiert aussah.

„Grins nicht so,“ maulte er. „Hilf mir lieber mein Fell ordentlich zu bekommen. Wenn ich mir alles selbst rausziehen muss, verschlucke ich das Meiste, Das liegt mir dann quer im Magen und ich muss mich übergeben. Das willst du nicht wirklich…oder?“ Nein, das wollte ich wirklich nicht. Also entfernte ich mit spitzen Fingern die stacheligen Kletten und die Blätter. Ausnahmsweise liess sich Socks auch am Bauch und an etwas delikateren Stellen anfassen, denn das war für ihn das kleinere Übel. Es dauerte nicht lange, dann war von seinem Streifzug nichts mehr zu sehen und wir kehrten in mein Zimmer zurück. Dort klemmte ich den Stab zwischen zwei Latten, damit er sich nicht verzog und legte ihn weit weg vom Fenster, so dass er nicht zu schnell von der Sonne ausgetrocknet wurde.
Jetzt hiess es Geduld zu haben, denn bis der Stab wirklich fertig sein würde, würde es ein paar Wochen dauern.
Damit hatte ich zwei der drei Aufgaben von Leonora gemeistert oder zumindest begonnen. Ich war soweit recht zufrieden mit mir, aber ich hatte immer noch keine Idee, wie ich Geld verdienen sollte.
„Meine Güte, dir fehlt wirklich jede Phantasie,“ amüsierte sich Socks. „Um den Menschen die Karten zu legen weisst du noch zu wenig, also bleiben dir wenige Möglichkeiten. Du könntest dir eine Stelle in einem der Handwerksbetriebe suchen. Aber davon würde ich dir abraten. Dort würdest du zwar viel über das Leben in Tarcania erfahren, aber es verträgt sich nicht mit deinem Status als Auserwählte und Schülerin der Gilde. Du kannst dich auch im Glücksspiel versuchen. Der „Goldene Krug“ ist da die beste Adresse. Oder du erzählst dort Geschichten von deiner Heimat. Das wird die Menschen begeistern und sie werden dir sicher ein paar Münzen geben.“
„Aber wenn ich etwas aus meiner Heimat erzähle, wird das nicht irgendwie den Lauf der Geschichte beeinflussen, weil die Menschen durch mich auf Ideen kommen, auf die sie sonst nicht allein oder erst später kommen würden?“ wandte ich ein. Ich hatte vor einiger Zeit das Buch „Ein Yankee am Hofe des Königs Artus“ von Mark Twain gelesen. Dort ging es darum, dass ein Amerikaner nach einem Schlag auf den Kopf in der Vergangenheit landete und mit seinem Wissen die Gesellschaft negativ beeinflusst.
Socks verdrehte die Augen. „Dir muss man wirklich alles erklären. Verpacke es als Märchen, als Geschichte aus einem fernen Land. Bei euch gibt es doch auch sicher Sagen und Legenden. Da nehmt ihr auch nicht alles wörtlich oder?“
Ich musste Socks recht geben und ja, es war eine gute Idee, mir auf diese Weise meine erste Silbermünze, einen tarcanianischen Semis, zu verdienen.
Ich machte mich am späten Nachmittag auf den Weg zum „Goldenen Krug“ und freute mich schon darauf, Marcus wiederzusehen.
Kaum hatte ich den Gastraum betreten, kam Marcus auf mich zu und umarmte mich herzlich mit einem Lachen. „Schön, dich wiederzusehen, Bobbie. Wie ist es dir ergangen? Bist du noch in der Gilde? Was kann ich für dich tun?“ Noch ehe ich antworten konnte, verschwand er, um wenige Augenblicke später mit zwei Krügen und einer Holzplatte mit Brot, Käse und Schinken zurückzukommen.
„Hier, iss etwas und lass uns anstossen,“ forderte er mich auf und ich lehnte natürlich nicht ab. Ich erzählte ihm, was mir die letzten Tage widerfahren ist und Marcus hörte aufmerksam zu. „Die Tabus sind wichtig, da solltest du wirklich darauf achten, sie nicht zu verletzen. Es gibt einige, auch die einzelnen Reiche haben ihre eigenen Regeln. In der Bibliothek der Gilde wirst du sicher etwas dazu finden. Frage am Besten deine Freundin Sereina, sie wird dir sicher weiterhelfen. Aber du hast mir noch nicht erzählt, warum du wirklich hier bist. Doch nicht nur, um mich zu sehen oder?“
Mir war es unangenehm, dass er mich so schnell durchschaut hatte, aber ich wollte ehrlich sein und berichtete ihm von Leonoras Aufgabe, mir das erste eigene Geld zu verdienen. „Singen kann ich nicht wirklich, um deine Gäste zu unterhalten, das würde sie eher vertreiben. Aber vielleicht könnte ich ihnen Geschichten aus der Aussenwelt oder von meinen Reisen erzählen. Was meinst du? Wäre das für dich in Ordnung?“ fragte ich Marcus.
Er grinste breit und nickte. „Natürlich. Ich gebe dir eine kleine Schale, dort kann jeder ein paar Münzen hineinlegen, die er für angemessen hält. Ich kann dir nichts versprechen, aber du wirst schon deinen Semis verdienen. Zur Not spülst du einfach das Geschirr, wenn ich den „Goldenen Krug“ schliesse.“
Diese Aussicht war alles andere als verlockend und ich wollte mein Bestes geben. Doch von was sollte ich erzählen? Von meinen Reisen nach Asien? Von meinem Leben auf Falkenstein? Sollte ich irgendetwas erfinden? Irgendwie spukte immer noch das Buch von Mark Twain in meinem Kopf herum und ich wollte auf keinen Fall, dass ich die Tarcanianer negativ beeinflusste.
Am Ende beschloss ich, eine Geschichte zu erzählen, die ich liebte – „Reise um die Erde in 80 Tagen“ von Jules Verne. Dieser Roman hatte mich schon als Kind fasziniert und ich denke, dass ich ihm auch einen Teil meiner Abenteuerlust zu verdanken hatte. Zudem kam alles darin vor, was es spannend macht: Abenteuer, Liebe, (vermeintliche) Verbrechen, Freundschaft und ein gutes Ende.
„Ja, das ist gut, da kann ich nicht viel falsch machen,“ murmelte ich zu mir selbst und war mit meiner Wahl zufrieden.
Als sich am Abend der „Goldene Krug“ füllte, stellte sich Marcus auf eine Bank und kündigte mich mit lauter Stimme an. „Ich freue mich heute über eine besondere Gelegenheit. Ihr habt sicher schon von Bobbie gehört, denn Gerüchte verbreiten sich hier schnell in Tarcania.“ Ich hörte gutmütiges zustimmendes Lachen. „Bobbie wird euch heute Abend eine der zahlreichen Legenden aus ihrer Welt erzählen und ich bin sicher, das wird ein spannender Abend für uns alle.“ Erwartungsvoller Applaus erklang und dann wurde es still, naja, so still wie es eben in einem Gasthaus sein kann.
Er sprang von der Bank und forderte mich auf, mich auf den Tisch zu setzen, damit man mich gut sehen konnte. Dann stellte er mir noch einen Krug mit dünnem Bier hin und setzte sich auch.

So begann ich von der Wette des Phileas Fogg zu erzählen, der in 80 Tagen die Welt umrunden wollte, um zu beweisen, dass der Mensch die Kontrolle hat und richtige Planung alles ist. Begleitet von seinem Diener Jean Passepartout bricht er auf und wird dabei vom Detektiv Fix verfolgt, der die Reise als geschickt getarnte Flucht eines Bankräubers sieht. Ich schmückte die Etappen durch Italien, Ägypten, den Jemen und Indien mit meinen eigenen Erfahrungen ein wenig aus – Jules Verne möge es mir verzeihen. Der Höhepunkt war natürlich die Rettung von Prinzessin Aouda, die Phileas Fogg und Jean im letzten Moment vor der traditionellen Witwenverbrennung, dem Sati-Ritual, bewahren konnten. Ich hatte gehört, dass es trotz des fast seit hundert Jahren bestehenden Verbots immer noch zu dieser barbarischen Praxis kommt, aber das machte die Heldentat der beiden Protagonisten noch glaubhafter.
Die Gäste hörten gespannt zu und manche vergassen sogar ihre Krüge zu leeren. Die Verfolgungsjagd durch die Vereinigten Staaten riss sie mit und als am Ende Phileas Fogg doch noch die Wette und das Herz von Prinzessin Aouda gewann, war die Erleichterung gerade spürbar. Die Gäste klatschten und als Marcus die Schale herumgehen liess, hörte ich das Klingen vieler Münzen.
Marcus stellte sich noch einmal auf die Bank und bedankte sich für den spannenden Abend. „Und wenn du mal wieder Lust hast, uns eine andere Geschichte zu erzählen, bist du jederzeit herzlich willkommen, Bobbie.“ lud er mich direkt zu einer Fortsetzung ein.
Ich verbeugte mich und bedankte mich ebenfalls, bevor ich vom Tisch herunterstieg. Grinsend reichte mir Marcus die Schale mit dem Geld. „Ich glaube, dir bleibt das Geschirrspülen erspart. Hier, das sollte reichen. Aber wenn du öfter kommst und die Gäste vom Trinken abhältst, dann werden wir teilen.“
Ich war mir nicht ganz sicher, ob es ein Scherz war oder ob er es ernst meinte, aber ich setzte mich erst einmal hin und zählte das Geld. Insgesamt waren es tatsächlich drei Semis und 7 Bane, also mehr als genug. Ich steckte meinen Semis ein und wollte Marcus den Rest geben, denn immerhin hatte er mir bei meiner Ankunft neben dem Zimmer und etwas zu Essen und Trinken auch noch Geld gegeben. Ich wollte nicht, dass Schulden zwischen uns stehen.
Er zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf, als ich ihm die Münzen geben wollte. „Nein Bobbie, wir sind Freunde und ich habe dir gern geholfen. Das Geld hast du dir redlich verdient. Mir und den anderen hat es Freude gemacht, dir zuzuhören und die Einladung war ernst gemeint. Behalte das Geld, du wirst es noch brauchen.“
Ich umarmte ihn und murmelte ein „Danke“, bevor ich mich auf den Rückweg zur Gilde machte.
Wie aus dem Nichts tauchte Socks auf und stolzierte mit einem ziemlich selbstzufriedenen Ausdruck neben mir her. „Gut gemacht, sogar besser als ich dachte. Aus dir könnte eine ganz passable Skalde werden. So werden hier die Geschichtenerzähler genannt. Aber in der kommenden Zeit wirst du dich erst einmal in der Gilde deinen Studien widmen, bevor du durch Tarcania reist.“
Das erinnerte mich an das erste Gespräch mit Leonora. Ich seufzte innerlich. Hoffentlich würde ich es schaffen, die Grundlagen des Tarot und was sonst noch auf der Agenda stand zu lernen. Allein der Gedanke an die 78 Karten liess mich unsicher werden. Aber darüber konnte ich mir am nächsten Tag Gedanken machen.




