Als ich mich am nächsten Morgen an den Tisch setzte, lag eine Notiz auf meinem Platz. Neugierig öffnete ich den Zettel. Die Zeilen waren in einer wunderschön geschwungenen Schrift mit dunkelvioletter Tinte verfasst. Doch so schön sie aussahen, ich konnte die Buchstaben nur mit Mühe entziffern, denn sie schienen vor meinen Augen zu tanzen. Doch endlich konnte ich die Botschaft lesen: Ich sollte mich umgehend bei Leonora melden.

Hastig beendete ich mein Frühstück und eilte die Gänge entlang.

Ich klopfe und die Tür schwang auf. Leonora sass hinter ihrem grossen Holztisch, auf dem Pergamentrollen, dicke Folianten und einige Tarot-Karten ausgebreitet lagen.

„Nun Bobbie, wie ist der Stand deiner Aufgaben?“ fragte sie freundlich. Ich atmete etwas auf, denn beim letzten Treffen hatte sie mich deutlich zurecht gewiesen und ich war mir wie ein kleines Schulmädchen vorgekommen.

„Danke, dass ich mir bei Hephon mein Gladius aussuchen konnte. Der Becher ist fertig, aber der Stab muss noch trocknen, bevor ich ihn ölen und wachsen kann. Gestern habe ich mir mein erstes Geld verdient, indem ich eine Geschichte aus meiner Heimat im „Goldenen Krug“ erzählt habe. Habe ich damit meine Aufgaben erfüllt?“

Leonora nickte. „Ja, das hast du. Ich habe schon von deinem Auftritt gestern gehört. Du hast gut daran getan, nicht zu viel von dir zu erzählen und deine Geschichte war gut gewählt. Sie hat den Menschen gefallen, ohne sie mit zu viel ungewöhnlichen Tatsachen aus deiner Welt zu überfordern.“

Ich fühlte mich in dem Moment so erleichtert und tatsächlich auch ein wenig stolz. Ich hatte auf meine Intuition gehört und hatte damit alles richtig gemacht.

Die Gildemeisterin Leonora

„Das war jedoch der erste Schritt. Du musst noch einiges lernen, bevor du die Königreiche bereisen und die Tarocchiari treffen wirst. Deine Ausbildung besteht aus unterschiedlichen Teilen: Du wirst lernen, wie du das Gladius führst und die Archonten werden dich unterrichten. Du kannst unmöglich alles aufholen, was die Pagen schon wissen, daher wirst du dich auf die wichtigsten Themen konzentrieren. Meridis wird dich in der Numerologie unterrichten, Enar über die Elemente, Thaela über die Geschichte von Tarcania und der Tarocchiari. Wir beide werden uns regelmässig treffen, damit du einiges über Tarot lernst.“

Sie schob mir einen Zettel hin, auf dem der genaue Plan aufgeschrieben war. „Keine Angst, du wirst die Grundlagen lernen, alles andere findet sich. Ich stelle an dich nicht die gleichen Anforderungen wie an die Pagen, aber das heisst nicht, dass du nachlässig sein darfst. Die Grundlagen, die dich Archonten und ich lehren werden, sind das Fundament von Tarcania und dem Tarot. Daher ist es wichtig, dass du sie beherrschst, bevor du weitergehst. Wir haben einen Monat Zeit, bevor du aufbrichst und den solltest du nutzen.“

Sie nahm ein stark abgegriffenes Buch mit einem braunen Ledereinband vom Stapel und gab ihn mir. „Das ist der Codex von Tarcania. Studiere ihn gut, denn dort findest du alles darüber, wie wir Tarot sehen, unsere Regeln und die Tabus, die in ganz Tarcania gelten. Die einzelnen Königreiche haben auch ihre eigenen Codices, genau wie die Tarocchiari. Wie du siehst, ist er nicht besonders dick, aber wichtig. Studiere ihn gut und wir treffen uns heute Nachmittag zur vierten Stunde hier.“

Ich nahm den Plan und das Buch und verabschiedete mich.

Ein Monat, das fand ich überschaubar und in mir rührte sich wieder meine Abenteuerlust.

Doch dann schaute ich mir den Plan etwas genauer an und musste schlucken. So gut wie keine Freizeit, jeden Morgen Kampftraining und am Nachmittag Unterricht und Studienzeit in den Bibliothek. Ich wunderte mich, warum das Training mit dem Schwert einen so grossen Raum einnahm, aber vielleicht war Tarcania doch nicht so friedlich, wie es den Anschein hatte. Und hatte Sereina nicht von Kämpfen und Überfällen von Nivoria gesprochen? Wer oder was war das eigentlich? Aber all diese Fragen würden sich sicher klären.

Ich machte mich auf den Weg zu meiner Kammer, als ich merkte, dass Socks verschwunden war. Wo war dieser kleine Kerl schon wieder? Dann fiel mir ein, dass er mich zwar zu Leonoras Kammer geführt hat, ich ihn aber dann nicht mehr gesehen habe. Wie konnte ich mich auf einen Seelenbegleiter verlassen, der ständig seiner eigenen Wege ging? Vielleicht wäre ich mit einer Schildkröte doch besser bedient gewesen dachte ich bei mir, aber dann fiel mir ein, dass Socks und ich gedanklich verbunden waren. „Nichts für ungut,“ schob ich hinterher. „Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass du auch dein eigenes Leben hast. Ich dachte nur, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen und du mir hier hilfst.“

In meinem Kopf hörte ich nur ein knarziges „Du hast schon manchmal eine komische Art. Du siehst dich so gerne als unabhängige Frau, dann verhalte dich auch so. Nicht umsonst bin ich dein Seelenbegleiter, denn auch Katzen sind unabhängig. Du wirst schon lernen, auf deinen eigenen Füssen zu stehen, aber ich bin immer da, wenn du mich brauchst.“

Ich musste lächeln. Irgendwie hatte er recht, der kleine Schlauberger.

Mit Plan und Codex zog ich mich in einen kleinen Pavillon im Garten zurück. Er war überdacht und mit Efeu überwachsen. In seiner Mitte plätscherte fröhlich ein kleiner Springbrunnen. Ich fand es sehr entspannend und setzte mich auf die Holzbank. Bevor ich mich dem Codex widmen wollte, schloss ich die Augen und hörte dem Wasser und den Vögeln zu. Die Luft war süss und schwer vom Duft der Blumen. Mir fielen die Augen zu und ich döste ein.

Ich träumte, ich würde mit verbundenen Augen vor einer Zielscheibe stehen. Ich hatte zwei Messer in der Hand und sollte die Scheibe treffen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das schaffen sollte, aber ich wusste, ich musste eine Entscheidung treffen. Ich müsste mich auf mich verlassen, auf meine Intuition, auch wenn es noch so absurd war und unwahrscheinlich, dass ich überhaupt etwas treffen würde. In der Ferne krächzte ein Rabe und brachte mich aus meiner Konzentration. Ich atmete noch einmal tief ein und aus, spürte, wie ich mich mit dem Messer verband und warf. Immerhin hörte ich keinen klirrenden Aufprall, sondern ein dumpfes Eindringen in Holz. Ich widerstand der Versuchung, nachzuschauen und warf das zweite Messer. Dieses mal schepperte es auf dem Boden. Ich hatte die Scheibe verfehlt. Das war auch kein Wunder, denn ich hatte es geworfen, ohne mich zu fokussieren, ohne mir vorzustellen, wie das Messer die Zielscheibe trifft. Als ich die Augenbinde entfernt habe, stellte ich fest, dass das erste Messer tatsächlich sogar die Mitte getroffen hatte. Das andere lag weit ab auf dem Boden. „Fokus und Absicht führen zum Erfolg, auch wenn man nicht genau weiss, wie es funktionieren kann oder soll,“ dachte ich mir im Stillen und wachte mit diesen Gedanken wieder auf.

„Wie spät es wohl ist,“ schoss mir durch den Kopf. Ich sollte doch den Codex lesen und zur vierten Stunde wieder bei Leonora sein. Hatte ich verschlafen? Ich hatte meine Armbanduhr in meiner Kammer zurückgelassen, da die Zeit in Tarcania ihren eigenen Gesetzen folgte und sie daher nutzlos war. Das einzig zuverlässige waren die Glockenschläge der Gilde und an den Uhrtürmen in der Stadt. Doch keiner war irgendwie in Sichtweite. Die Zeit schien sich endlos zu ziehen, dann hörte ich zwei Schläge. Ich hatte also noch genug Zeit, ein wenig im Codex zu blättern.

Auch dieses Mal mussten sich meine Augen erst wieder an die Schrift gewöhnen. Ich vermutete, dass es mit der Schrift genauso war wie mit der Sprache: Für jeden, der den Weg nach Tarcania findet, hört sich das Tarcanianische wie die eigene Muttersprache an und die Buchstaben formen sich ebenfalls so, dass sie jeder lesen kann. Wenn es das auch in meiner Welt gäbe, dann würde es das Reisen und die Verständigung so unfassbar erleichtern. Aber das würde wohl für immer ein Traum bleiben.

Im Codex fand ich einige grundlegende Erklärungen über den Aufbau des Tarot und eine Art Regelwerk, wie die Tarcanianer Tarot verstehen. Diese Sätze blieben mir für immer in Erinnerung:

  • Intuition ohne Struktur verliert sich. Struktur ohne Gefühl bleibt leer.
  • Tarot antwortet nicht. Es spiegelt.
  • Tarot wird lebendig, wenn du aufhörst, es kontrollieren zu wollen.

Ganz besonders prägte sich dieser Satz ein, denn er sollte bestimmen, wie ich in Zukunft die Karten sehen würde: Tarot ist eine Begegnung mit dir selbst.

Ich kehrte in meine Kammer zurück und packte meine Stifte, mein Notizbuch und meine Karten ein und machte mich auf den Weg zu meiner ersten Stunde mit Leonora,

  

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Ivana